Rejane Cintrão - BENNU

Die Serie von Malereien, die von Felipe Góes für die Ausstellung Bennu angefertigt wurden, stellt Landschaften aus seiner eigenen Vorstellungswelt dar, die den Zuschauer zur Frage motivieren, ob diese Orte wirklich existieren und ob er vielleicht schon an einem dieser Orte gewesen sei.

Dies erfolgt nicht von ungefähr. Jeder Mensch, der im Internet oder in den sozialen Netzen unterwegs ist, wird von Bildern bombardiert, die mit Fotoapparaten, Mobiltelefonen, Sicherheitskameras, Satelliten (und andere Geräte) aufgenommen werden und sich in unserer Seele einprägen wie diejenigen, die wir von Augenblicken aufheben, die wir im Laufe des Lebens tatsächlich erlebt haben.

Dieser Drang, von allem was wir sehen Bilder zu machen und diese sofort in den sozialen Netzen zu teilen (wer weiß mit wem), reduziert die Chance, einen Augenblick, eine Landschaft und eine Emotion zu erleben. Es fehlt uns die Zeit tatsächlich das zu genießen, was wir sehen. Dieses Gefühl verdeutlicht Matisse in einer Erklärung an Pater Couturier 1950: „Für meine Reise nach Ozeanien hatte ich einen extrem modernen Fotoapparat gekauft. Als ich aber all diese Schönheit sah, sagte ich mir selbst, ich würde all diese  Schönheit auf gar keinen Fall auf ein kleines Bild zu reduzieren. Das lohnt sich nicht. Ich behalte sie lieber für mich. Sonst hätte ich nach einigen Jahren nur das, alles würde ersetzt, reduziert auf dieses kleine Dokument”[1].

Felipe Góes schwimmt hier glücklicherweise gegen den Strom gegenwärtiger Tendenzen. Anstatt Bilder zu verwenden, die von Kameras aufgezeichnet wurden oder im Internet zu finden sind, enthüllt er uns, wie Matisse, Bilder, die er im Laufe seines Lebens in seinem Gedächtnis abgelegt hat.  Vielleicht Erinnerungen, die er sammelte, als er während seines Aufenthaltes als Artist in Residence in Phoenix-USA zwei Monate lang Berge und Steine untersuchte, oder bei seinem Künstleraufenthalt in Itaparica-BA, auf seiner Reise nach Norwegen oder an der Küste von São Paulo.

Diese Landschaften tauchen aus den Pinselstrichen auf, die übereinander gelegt werden und der Malerei Körperhaftigkeit verleihen, dabei Berge, Seen und Bäume bilden, in denen die Anwesenheit des Menschen nahezu nicht vorhanden ist. Es gibt kein bereits bestehendes Projekt, keinen Entwurf und noch weniger ein gedrucktes Bild, das als Ausgangspunkt dient. Nur die Größe der Leinwand, die Farben, der Pinsel und das Gedächtnis. Die Gesten und die Farben definieren nach und nach die Formen.

Trotz seines jungen Alters schaffte Góes eine umfangreiche Produktion. In den letzten sieben Jahren hatte er verschiedene Ausstellungen, dabei ist die Landschaft das Hauptthema seiner Arbeit: er nimmt den Zuschauer mit, in die Erfahrung des „Beobachtens“ einzutauchen. Für das Projekt Landschaft: Zeitstillstand, das beispielsweise 2013 am Strand Praia do Forte, Natal entstanden ist, installierte Felipe drei monochromatische und durchsichtige Würfel, in denen der Zuschauer sich stellen sollte, um eine Landschaft zu betrachten, die sich rot, lila oder orange verfärbte. So lud der Künstler die Passanten – meistens lokale Einwohner – ein, die Landschaft mal anders zu betrachten. Vor allem motivierte er diejenigen auf dem Weg zur Arbeit dazu, sich hinzusetzen und sich die Landschaft mal tatsächlich anzusehen.

Die Gemäldeserie, die im selben Jahr für die Ausstellung Das Auftreten des Gedächtnisses entstand, brachte einen Maler ans Licht, der sich der Geste und der Farbe verpflichtet hat. Hier verwendete der Künstler übereinander liegende Schichten aus schwachen Farben in den Tönen Grün, Grau und Blau, mit kleinen Details in Orange und Violett, die zart über die Leinwand vibrierten und an seine Nähe zur Malerei von Paulo Pasta erinnerten.

Diesen Prozess setzte er noch in den Arbeiten der nächsten Jahre fort, wobei er weitere Farben mit aufnahm, so nehmen beispielsweise die starken rötlichen und rosafarbenen Töne seiner Malerei Form an und dem Zuschauer wird klar, dass die Landschaft eine „Gelegenheit zum Malen“ ist.[2] Wichtig ist nicht unbedingt das Bild, das Thema oder der Ort, an dem sich diese Landschaft befindet, sondern was mit der Malerei selbst passierte. Der Maler zeigt sich und hier verstehen wir seine Bewunderung für Maler wie Cézanne und Matisse und sein Interesse am Aufbau der Farbe.

Der unruhige Maler Felipe produzierte eine neue Serie für die Ausstellung Bennu, die hier vorgestellt wird, mit Werken, die zwischen 2017 und 2018 entstanden sind. Hier explodieren Geste und Farbe und der Zuschauer fühlt sich noch stärker von den Landschaften des metaphysischen und apokalyptischen Raumes angezogen. Intensive Farben und ausladende Gesten, die auf den Leinwänden übereinander gelegt werden, geben traumhaften Szenen Form, die uns in dem Maße überraschen, indem wir uns den Werken nähern oder uns von ihnen entfernen. Gleichzeitig schaffen Landschaften in dunklen, fast schwarzen Farben ein Klima der Spannung, Erwartung.

Der Titel der Ausstellung spiegelt dieses Klima wider und entstand, als die Arbeiten bereits fertig waren. Vor kurzem erfuhr Felipe von der Existenz eines Apollo Asteroiden genannt 101955 Bennu, der 1999 von LINEAR entdeckt wurde. Bennu wird möglicherweise nach 2135 auf die Erde treffen und verschiedene großflächige Verwüstungen anrichten.

Wenn wir die Ausstellung besuchen und auf Landschaften, mit Bergen in intensiven Gelbtönen, lila und rosa, lilafarbige Bäume, Himmel in einem explosiven rosa und speiende Vulkane treffen, haben wir das Gefühl, dass wir uns auf einem anderen Planeten oder in einer anderen Dimension befinden und uns schließlich Fragen: transportieren uns Felipes Malereien in die Landschaften, die er in Norwegen sah[3] oder an einem Strand im Norden des Bundesstaates São Paulo? Ins Hinterland von Brasilien oder in eine verlassene Gegend in den USA? In eine Rakete oder in einen Pool? In Wahrheit transportieren sie uns an alle diese Orte und noch viele andere. Aber stärker noch als den Ort an sich empfinden wir das Gefühl des Künstlers, als er an diesen Orten war oder sich diese vorstellte.

Es ist unmöglich eine Landschaft zu erleben, ohne anwesend zu sein, ohne sich die Zeit zu nehmen den Geruch, die Geräusche und die Temperatur zu spüren, die Formen und Volumen zu bewundern. Ohne die Notwendigkeit, ein Selfie zu machen und allen zu berichten, dass wir dort waren. Genauso ist es unmöglich ein Gemälde in Hast zu genießen. Aus diesem Grund ist es wichtig, sich die Werke von Felipe in Ruhe zu betrachten, jedes Detail zu analysieren, die große Vielfalt der Töne und Farben zu entdecken, die auftauchen, wenn wir uns den Leinwänden nähern und die weiten Landschaften, die explodieren, wenn wir uns wieder entfernen. So will jedes einzelne Gemälde betrachtet werden.

 

[1] Fourcade, Dominique (Hsg). Henri Matisse: Escritos e reflexões sobre arte. CosacNaify, 2007, São Paulo. Seite 132.

[2] „Die Tatsache, dass die Landschaft eine Situation bildet, in der das Malen viel eng mit den Aspekten zusammen hängt, die er an der Produktion von Cézanne und Giacometti bewunderte, bei den einen die Landschaft und beim anderen das Menschenbild. Beide schienen besessen von der Idee der Darstellung und, gleichzeitig, kannten sie die immense Schwierigkeit an, etwas darzustellen. Zum Beispiel: das Aussehen einer Landschaft die von Maler gemalt wird, das Aussehen des psychologischen Abstandes zwischen zwei Menschen, auch wenn sie sich gegenüber stehen. Auch bei Matisse geht es darum.” erklärte Felipe Góes bei einem Interview in seinem Atelier

[3]  Sie erinnern uns an das düstere Klima der Malereien des Norwegers Harald Sohlberg (Oslo 1869-1935)

Text von Rejane Cintrão

September 2018

Einzelausstellung Bennu in der Galeria Virgílio, São Paulo, Brasilien.

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